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Oper im Land der Skipetaren

 

vom 29.11.2007, erschienen in der „Deutschen Bühne Theatermagazin“

 

Direktflüge von Deutschland nach Albanien gibt es kaum. Gewöhnlich wählt man, wenn man von Berlin nach Tirana fliegt den Umweg über Mailand oder Budapest. Ich entschied mich für den Weg über Ungarn und gegen 23 Uhr erhob sich die Maschine in Richtung „Land der Skipetaren“. Angenehm und ruhig begann der Flug, die Augen des Regisseurs schlossen sich, die Gedanken kreisten um die ersten Proben zu „Fidelio“, am kommenden Tag sollten sie beginnen.  Fidelio als albanische Erstaufführung, am Tag der deutschen Einheit, als Projekt einer deutschen Kulturwoche in Albanien, zur 20Jahrfeier Deutsch-albanische Beziehungen. Welch eine Aufgabe! Nach etwa einer Stunde wurde es ungemütlich: der Himmel blitzte und zuckte, Wolken in bedrohlicher Nähe, ein Ruckeln und Schütteln, ein Gewitter um das Flugzeug von biblischen Ausmaßen. Das Flugzeug kreiste um Albanien – live zu verfolgen auf dem Monitor über dem Sitz, es suchte einen sicheren Weg zur Landebahn – vergeblich!  Nach einer Stunde wurde das Experiment abgebrochen, die nervöse Kundschaft in gewittrigen Höhen nach Budapest zurückgebracht. Das Schicksal forderte wohl meine endgültige Entscheidung: willst Du wirklich dorthin, weißt Du, was Du tust? Ich wusste, ich wollte!  Gegen 4 Uhr morgens erhob sich der Stahlvogel zu einem weiteren Versuch. Der glückte und kurz vor 6 Uhr war ich endlich in Tirana.

 

Die albanische Metropole erwachte, die Morgendämmerung küsste die Stadt aus dem Schlaf. Entlang der Straße ins Zentrum viele Gebäude, nicht wenige im Rohbau ohne Weiterbau, manche vollendet, einige modern und wagemutig schrill, weil farbenfroh, andere baufällig, heruntergekommen, trostlos grau, abgeblättert, viele unverputzt, löchrig; Hochhäuser, Bungalows, Wellblechhütten – alles dabei und durcheinander! Baustellen sah man übrigens keine, dafür manche Löcher in der Straße und fehlende Gullideckel. Kein Problem für den Chauffeur – er kennt die Tücken des Untergrundes. Was auffiel waren die vielen unbekannten Firmenlogos. Nicht einmal die weltumspannende amerikanische Fastfoodkette mit dem gelben M hatte sich bisher hierher verirrt, das will was heißen; ein Verlust ist es auch nicht. Immer tiefer ging es hinein in die Millionenstadt, in ein Gewirr von namenlosen Straßen, die auf dem neuesten Stadtplan nur als weiße Linien ohne Beschriftung eingezeichnet waren. Und links wie rechts, Müll, viel Müll: hinter dem Theater, im städtischen Kanal, dem Lana, selbst im Naturschutzgebiet auf dem Dajti, dem Hausberg auf 1600m, überall. Auf den Strassen der deutsche Stern als vorherrschende Automarke im verstopften Straßenverkehr. Das albanische Statussymbol ist der Mercedes, zu erleben in allen Altersgruppen ab den späten Siebzigern bis heute – unverbleit und unverzollt. Die Luft ist oft schwer, sie drückt auf die Atemwege. Traurige Lieder sind das, die nicht nur Sänger der Opera Tirana darüber singen können, sofern der alltägliche Smog das gesunde Luftholen ermöglicht. Wenn dann noch die Temperatur in die Höhe schnellt, die Sonne drückt und die Luft steht, möchte man flüchten – doch wohin. Unter die kalte Dusche oder in einen klimatisierten Innenraum? Nicht so einfach: Wasser gibt es nicht immer, ebenso wenig Strom für die Klimaanlagen. Abhilfe leisten zwar manche Stromgeneratoren, die tapfer nicht nur manche Wasserpumpe mit Notstrom versorgt. Doch ratternd und qualmend stehen sie auf der Strasse – leisten gnadenlos ihren Beitrag gegen eine bessere Luftqualität.

 

Es gibt kein Entrinnen, doch viele Albaner, insbesondere junge, gut Ausgebildete, wissen wohin – raus, in den Westen, nach Europa, in die Welt, was allerdings vorrangig mit fehlenden beruflichen Perspektiven und niedrigen Löhnen zu tun hat. Für die meisten Albaner endet der Horizont allerdings schon an der albanischen Grenze – sie haben kein Visum für den Rest der Welt. Und diejenigen, die es haben, besitzen einen Reisepass, der sie durch Vorurteile zu Außenseitern, zu „Aussätzigen“ in Europa macht. Früher isolierte sich das Land selbst, heute ist es Europa, das die Türen verschließt. Der Exodus findet trotzdem statt und zwar in den Köpfen. Und die gefühlte Bewegung, der Puls der Menschen, wirkt wie Stillstand, wie ein „Warten auf Godot“, wie ein Spott auf findige Wirtschaftsforscher, die auf das stetige Wirtschaftswachstum hinweisen. Was bleibt, ist das Pflänzchen Hoffnung als Prinzip und Lebenselixier. Fidelio war am richtigen Ort!

 

In Tirana gibt es ein Opernhaus. Es hat 800 Plätze, stammt aus der frühen kommunistischen Epoche, etwas Parteitagscharme kommt auf. Die Bühne ist riesig, vergleichbar mit der in Hamburg. Seitenbühnen und Schnürboden gibt es auch, doch die sind belegt mit Stücken vergangener Spielzeiten – es gibt keine andere Lagerkapazität. Aida nimmt dabei sehr viel Platz weg, die Silvestergala weniger. Beim Stöbern durch die Berge der Dekorationsruinen entdeckte Ausstatter Matthias Engelmann eines Tages sogar einen Flügel – vergessen, aber funktionsfähig! Eine Drehscheibe ist ebenfalls vorhanden; sie rotiert in zwei Tempi: schnell und langsam – sie quietscht, ist aber quicklebendig, bis zur Premiere sei alles in Ordnung, hieß es. Der brüchige Orchestergraben bietet Platz für 60 Musiker, das hauseigene etwas kleinere Orchester passt bestens hinein. Der Chorsaal ist frisch renoviert und vollklimatisiert. 60 Choristen halten hier bestens platziert ihre Proben ab, auch wenn in der Praxis selten alle Stühle belegt sind, wegen Krankheit und dergleichen mehr. Im Keller arbeiten die Schneider und Notenkopisten, auch der Theaterfotograf hat dort seine Dunkelzelle. Probebühnen für die Oper existieren hingegen leider nicht. Wenn die Bühne belegt ist, weicht man auf zwei Balletträume aus, die man sich mit dem Ballett  zu teilen hat – die Renovierung ist beschlossene Sache. Der dortige Bodenbelag ist instabil und abgenutzt: ein altes Holzparkett ohne Tanzteppich. Welch ein Martyrium für die Tänzer! An den Wänden gibt es einige intakte Spiegel, dazu klapprige Stangen für das Pliés. Da nicht die gesamte Deckenbeleuchtung genügend Licht spendet, ist es ratsam bei Tag zu probieren. Was sowieso sinnvoll ist, insbesondere im Winter, denn das Theater hat nur wenige beheizte Räume – Bühne und Zuschauerraum gehören nicht dazu! In die Ecken schaut man besser nicht, dort faucht einen so mancher Müllrest an. Das Klavier spendet auch keinen wirklichen Trost: es ist verstimmt, es fehlen Töne. Als ich dort das Quartett „Mir ist so wunderbar“ probiere, kommen mir die Tränen.

 

Auch deshalb, weil ein junges, sehr gutes und motiviertes Ensemble zu Werke geht. Da es keine Probenpläne gibt, sind meist alle Sänger anwesend, wollen aber auch dabei sein und lernen, die Arbeit interessiert sie sehr, man ist bis in die Spitzen motiviert. Es macht Spass. Auch dank der hervorragenden Übersetzungshilfe durch Ingrid Mukeli. Die Probenarbeit hat Workshopcharakter: man bespricht die Szene, die Situationen, die Figuren, geht in die Improvisation, schließlich in die musikalische Szene. Barrieren oder Hemmungen gibt es keine, fast beängstigend existenziell und brutal wird das Duett zwischen Marzelline und Jaquino verkörpert. Wahrhaftigkeit und Intensität sind enorm – kein Wunder: das Aggressionspotenzial ist hier überhaupt sehr hoch und direkt, es liegt immer etwas in der Luft. Atmosphäre und Umfeld wirkten auch auf mich. Ich spürte nach den ersten Probentagen, wie ich mich veränderte. So fand ich Gefallen an einer Brutalität, die mir nördlich der Alpen aufstoßen würde. Dieser Fidelio sollte ein albanischer werden.

 

Das war allerdings auch das Ziel, nein: die Vorgabe! Zhani Ciko, der findige Impresario des Hauses und Chef von 243 Mitarbeitern, wollte, dass wir mit einer politisierenden Inszenierung die Vergangenheit Albaniens reflektieren, dem albanischen Publikum Impulse geben, sich mit dem einstigen kommunistischen Terrorregime Enver Hoxhas auseinander zu setzen. Er hatte viel aus eigenem Erleben zu erzählen, es gab viel zu lesen, wir hörten und schauten viel in jenen 5 Wochen. Und wir waren entsetzt! Totale Isolation des Landes über mehr als 40 Jahre, Menschenrechtsverletzungen der schlimmsten Art und Weise mit dem Ergebnis einer bis heute zerstörten Volksseele. Viele meiner albanischen Freunde bestätigen mir das.

 

In Oper, Ballett und Konzert gab es Zeiten, in denen nur albanische Komponisten der Öffentlichkeit präsentiert werden durften. Den Hochschulen war es allerdings erlaubt Mozart und Beethoven zu unterrichten – allein die Aufführung war verboten. Ein Land hermetisch abgeriegelt und zur besten aller möglichen Welten erklärt! Ein Land, das sich seines Atheismus rühmte und alle Religionen per Gesetz abschaffte.

 

Die Dialoge unseres ansonsten deutschsprachigen Fidelio hatten wir fast komplett gestrichen, ein Torso von Worten in albanischer Sprache blieb übrig. Szenisch ging es in die Ouvertüre: ein Volk lässt sich komplett gefangen nehmen, danach beginnt das Regime durch seine Stellvertreter Marzelline, Jaquino, Rocco und wider Willen Leonore zu wirken. Koffer werden geöffnet und durchwühlt, es wird sortiert und vernichtet: Bücher, Bilder, ein Holzkreuz, ein Foto Mutter Teresas!  Die Seele des Individuums wird planmäßig zerstört. Beethoven landet in einem Konzertflügel, der nur noch zur Feuerstelle taugt: Fidelio brennt!

 

Der Gefangenenchor – das Volk kommt dem Licht entgegen, schaut in die verheißungsvolle Ferne, möchte das neue Land betreten, doch bleibt wo es ist. Den Subtext dazu lieferte ein albanisches Flüchtlingsschiff Mitte der 90er Jahre vor der Küste Italiens. Jeder verstand, worum es ging. Manche empfanden Scham und Schmerz und wollten verdrängen, andere öffneten sich, ginge sehr intensiv mit. Als Pizarro in Verbindung gebracht wurde mit dem ehemaligen kommunistischen Geheimdienstchef, wussten die Älteren schnell, wie man Angst auf der Szene herstellen konnte, die Jüngeren mussten sich das Gefühl erarbeiten. Fremd war dem Chor diese Art der Regie. Die Darstellerin der Marzelline hieß mit Vornamen Eriona, übersetzt: aus der Luft kommend. Sie war weniger Luft, als mehr Sonne: welch ein Lächeln, welch eine Anmut und Schönheit in Spiel, Gesang und Wesen. Eines Tages recherchierten wir die Zeit nach der kommunistischen Dunkelheit und landeten in den Unruhen des Jahres 1997. Wir fragten sie etwas dazu: urplötzlich erblasste sie, wurde nervös, eine Träne in ihrem Auge – wir fragten nicht weiter.

 

Die Proben mit dem Chor waren sehr speziell. Ganz normal schien es zu sein unentwegt Kaugummi zu kauen, zu telefonieren oder sich laut zu unterhalten – während der Proben und auch während der Aufführung.  Bei einer Probe kamen einige mit Regenschirmen auf die Bühne – es regnete ja draußen. Was tun? Einsammeln! Assistent und Co-Regisseur Alex Fahima überraschte die Meute immer wieder, indem er vehement alle störenden Privatrequisiten so auch klingelnde Mobiles einsammelte und erst nach der Probe wieder herausrückte. Damit generell alle bei der Probe blieben und kein ständiger Durchgangsverkehr das Arbeiten lähmte, hatte die Theaterleitung eine schlüssige Idee: sie schloss einfach alle Türen ab und öffnete erst wieder zum Ende der Probe. Willkommen im Raubtierkäfig! Einmal begab es sich, dass eine abendliche Probe für den Chor angesetzt war. Das war zwar unüblich, doch von der Theaterleitung vorher abgesegnet. Was folgte waren Streikdrohungen, üble Beschimpfungen und Schmähungen, sowie einen Moment, den ich sicherlich nie vergessen werde: inmitten des Aufruhrs deutete mir die künstlerische Leiterin Edit Mihali, ich solle einfach gehen und die Masse schreien lassen. Das tat ich dann auch und drehte dem Rudel den Rücken zu: die physische Bedrohung war greifbar, extrem sogar! Ich dachte tatsächlich, gleich würden sie über mich herfallen. Sie taten es nicht und die abendliche Probe war exzellent. Ich schickte alle früher nach Hause: es war die beste Probe überhaupt. Generell das: nach der Arbeit ist wie vor der Arbeit: man lächelt sich an und mag sich, die Albaner sind herzlich und überaus gastfreundlich. Der tägliche Wahnsinn!

 

Wahnsinn, oh ja! Ich hatte mir eine albanische Handynummer zugelegt, sie bekannt gegeben als Nummer des Produktionshandy. Es dauerte nicht lange und ich erhielt bis zu meiner Abreise täglich um die 300 Anrufe. Nicht Probenpläne waren das Thema, sondern preiswerte Immobilien, die durch mich inseriert worden seien.

 

Das Bühnenbild, eigentlich auch ein Wahnsinn! Matthias Engelmann präsentierte das Model am ersten Probentag: ein riesiger sich durch die Drehscheibe bewegender Kubus. Plan B war in der Tasche, aber wir dachten, dass wir ruhig mit A starten sollten. Die Theaterleitung empfand das Bühnenbild als große Herausforderung und schwieg uns hinsichtlich der Machbarkeit lächelnd an. So hörten wir lange nichts, doch zu unser aller Überraschung wurde nahezu alles aufgebaut wie vorgesehen – mit 5 Technikern in 60 Stunden hintereinander. Technikchef Genci Shkodrani und seine Mannen sind die eigentlichen Helden dieser Produktion. Eine eigens angefertigte Holzschräge wurde verlegt, Holzkonstruktionen als tragende Wände aufgerichtet, ein Plafond in Stahlkonstruktion darüber gelegt. Zusätzliche Stahlseile sorgten für scheinbare Sicherheit, der Drehscheibe zum Trotz! Geschraubt wurde kaum, genagelt umso heftiger, geschweißt im Treppenhaus. Schrauben seien zu teuer, hieß es. Der Verdienst in der Opera Tirana ist vergleichbar besser als der in Polen oder Ungarn, sogar wesentlich – und dann nur Nägel… Alles wankte, bedenklich sogar, doch es fiel nicht!

 

Der Regisseur hingegen fiel eines Tages und zwar so heftig eine Treppe hinauf, dass er Bekanntschaft mit dem albanischen Gesundheitssystem machen durfte. Zweimal täglich Injektionen und Infusionen, so, dass die sich anschließenden Proben wie Erlösungen wirkten, den Schmerzen und der eingeschränkten Bewegungsfreiheit zum Trotz. Zwar war nichts gebrochen, doch einiges gerissen und durchtrennt, wie sich zwei Wochen später in Deutschland herausstellte, Schiene und Krücken gab es dann auch – immerhin. In Albanien ging es ohne!

 

Die Generalprobe war der erste Durchlauf im fertigen Bühnenbild, die Beleuchtung wurde in der Nacht danach eingerichtet. Ganz normal, wie man mir sagte: am Ende würde in Albanien alles fertig, Improvisation sei das Leben! Die Premiere war ein riesiger Erfolg, Ovationen gab es stehend. Kritiken habe ich bis heute keine erhalten. Ganz normal, denn es gibt keine Kritiker und Zeitungen, die sich dafür interessieren. Die Musiker gaben ihr Bestes, Beethoven war für sie eine Fremdsprache, die es zu entdecken galt. Maestro Paul Weigold war schließlich zufrieden, die Qualität erstaunlich. Dass im Graben manche Musiker in Jeans saßen, war die letzte größere Überraschung die wir erlebten, auch das sei ganz normal, hieß es. Vorschriften gibt es generell kaum. Das klingt für einen deutschen Regisseur erst einmal gut, hat aber auch eine Schattenseite: die Willkür. Und die lebt! Eine Sängerin des Ensembles heißt Shpresa, übersetzt ist das die Hoffnung! Und die fand im Finale ihren Ausdruck. Unsere Reise durch die Zeiten Albaniens endete mit projizierten Fotos aller Mitwirkenden – und ihrer Kinder!

 

Welch ein Land, welch eine Produktion! Es war die wichtigste meines Lebens, die spannendste, intensivste, die sinnvollste; Fidelio in Albanien stellt alles Bisherige in den Schatten. Am Tag nach der letzten Stagioneaufführung noch einmal um die 100 Anrufe wegen der Immobilie und die Erkenntnis: wir kommen wieder und freuen uns auf Euch in Albanien! Hoffentlich seid Ihr noch da!

 

 

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