Die Meistersinger von Nürnberg , Opernglas

POSEN

Die Meistersinger von Nürnberg

4.März

Kaum sind am Posener Stadttheater, das nach fast einhundert Jahren die erste polnische Aufführung von Richard Wagners problembehafteter Komödie auf die Bühne

brachte, Hans Sachs die letzten Worte seiner Schlussansprache über die Lippen gekommen, bedauert er sie bereits, und er hält sich den Mund zu. Doch zu spät: Durch seine Worte wurden die Massen bereits in Gang gesetzt, und zu martialischer Betonung marschiert der Chor in Richtung Zuschauerraum. Freud’sche Fehlleistung? Gar nicht so gewollt? Das bleibt dann doch offen, denn in der Lesart des Regisseurs Michael Sturm ist es Sachsens Alter Ego Richard Wagner,

der an dieser Stelle als Statist mit überdimensioniertem Kopf keine Position bezieht, sondern sich elegant aus dem Staube macht und die Bühne über den Hinterausgang verlässt. So bleibt der Schlusspunkt eines zuvor auf der Bühne abgebrannten Feuerwerks der mehr oder weniger neuen Ideen und Anspielungen indifferent, aber anregend über die Aussagen dieser “deutschen Oper“ im

Raume stehen. Die „Meistersinger“ sind eben nicht nur präfaschistischer Unsinn,

sondern auch tiefergehende Verhandlung über den Umgang mit Kunst und Kultur.

„Ehrt eure deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister“ kann auch ernst gemeinte Antithese zum modernen Zeitgeist um „Fack ju Göthe“ sein. Denkanstöße und Anregung bietet diese Inszenierung, ohne den Zuschauern mit der Brechstange eine „überideologische Aussage“ aufnötigen zu wollen.

 

Das über die Akte im Wesentlichen beibehaltene Bühnenbild von Matthias Engelmann ist in bewusster Verzerrung der Dimensionen mit schräger Spielfläche und großer Tür im Hintergrund blaue Reproduktion von Van Goghs „Schlafzimmer“ mit darüber projizierter Geometrie des Da Vinci-Menschen und darauf geschriebenen großen, verschmierten Worten „Wahn“ und „Sinn“ in Fraktur. Es muss nicht immer alles

neu erfunden werden: In der Folge gelingt es der Regie, ein kreatives Beziehungsgeflecht der Reminiszenzen an vergangene Inszenierungen, Gemälde und Filme zu entwickeln. Zwischen Albrecht Dürers „Melencolia“ und Dalís „Beständigkeit der Erinnerung“ entspinnt der Wagner-Sachs, der schon während des Vorspiels gern wieder auf dem Denkmal-Podest vor dem Stadttheater seinen Platz eingenommen hätte, ein Kaleidoskop der Anspielungen. Unter dem ständig sich nähernden Blutmond aus Lars von Triers „Melancholia“ – Film duftet der Flieder im Monolog Sachsens schwer und bedrohlich, und der Nachtwächter erscheint als Sensenmann aus „Per Anhalter durch die Galaxis“. Erdacht worden waren die „Meistersinger“-Protagonisten von Richard Wagner, der schon einige Inszenierungen seiner Werke hinter sich hat: Was liegt da näher, als Beckmesser im Hagen-Kostüm, Stolzing im klassischen Parsifal-Outfit, Eva als rotgelockte Brünnhilde und Pogner als Gunther auszustaffieren? Am Polyeder des Melencolia-Dürers nimmt schließlich ein deprimierter Melancholie-Engel Platz, der ebenso gut auch das Christkindl des Nürnberger Weihnachtsmarktes sein konnte.

(…)

 

Im Vorfeld hatten offenbar rechte Kreise in Posen gegen das deutsche Werk wie auch den jüdischen Dirigenten zu mobilisieren versucht: Ob die wenigen Buhs am Ende der Vorstellung auch damit in Zusammenhang standen, muss offen bleiben.

 

  1. Barnstorf