Höllisches Spektakel

Höllisches Spektakel

Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg

Poznan | Teatr Wielki

Donnerwetter! Allein dieser eine Mann würde genügen, der ersten polnischen „Meistersinger“-Aufführung seit fast 100 Jahren einen runden Erfolg zu bescheren: Frank van Hove ist als studierter Theologe und Philosoph der geborene Hans Sachs, und er singtihn mit bewundernswert deutlicher Artikulation, bergseewasserklar, durchdringend, jederzeit auch schauspielerisch bezwingend. An seiner Seite glänzt am hellsten Björn Waag als Beckmesser‚ weiß Gott nicht nur dank des Glitzerkostüms, das ihn in Verbindung mit der mephistoähnlichen Maske anfangs eine Spur zu dämonisch erscheinen lässt, aber genau dadurch die lächerliche  Anmaßung des Merkers enthüllt. Der norwegische Bariton ist ein Komödiant von hohen Graden, er verzaubert sein Publikum mittels kleinster Gesten – beckmesserischer geht es nicht. Auch  Magdalene, Kothner und Pogner werden von den polnischen Sängern anstandslos gemeistert. Leider fallen Eva und Stolzing ziemlich ab. Die Ausstatter haben ihnen keinen Gefallen getan: Die rotzopfige Germania im Dirndl und der tumbe Tor in Kniehosen wirken geradezu depersonalisiert — als Liebespaar reineweg unmöglich.

Das unter Gabriel Chmura musizierende Orchester hat zwar mit den Akkordballungen im Vorspiel erkennbar Probleme, überzeugt den Rest des Abends aber durch geschliffene Intonation. Der sehr junge Chor ist eine Wucht, bestechend durch sängerische und  choreografische Präzision, immer in Bewegung, quecksilbrig fließend wie Schwärme von Meeresfischen. Michael Sturm (Regie) und Matthias Engelmann (Bühne, Kostüme) haben ihm prächtige Tableaus geschaffen. Die Johannisnacht kulminiert in einem wahren Höllen-Spektakel mit Ku-Klux-Klan und schwarzen SS-Schergen in roten Strapsen, denen die Sense des Nachtwächters ein unerwartetes Ende bereitet. Überhaupt bietet Poznan überbordenden mythologischen Mummenschanz, wo zwischen Adam und Eva stets der bocksbeinige Faun einhergeht, eine pausbäckige Amorette ihren Bogen spannt und ein engelhaft geflügeltes Mädchen trauert; sie entstammen Dürers bekanntem Stich «Melencolia», der auch das  achtflächige Polyeder geliefert hat. So viel Nürnberg muss sein!

Grandios die finale Massenszene. Endlich mal kein Reichsparteitag, sondern fröhliches junges Volk, ganz in Weiß und mit weißen Luftballons ausgestattet. Eine Friedensdemo, ein netter Semesterball? Keineswegs. Das Vergnügen an dieser Darbietung verkehrt sich in Unbehagen, wenn die Jugend nach Sachsens Schlussmonolog im Gleichschritt zum Vierviertel-Metrum bis zum Ende durchmarschiert. Sachs rauft sich entsetzt die Haare angesichts dieser Fehldeutung und läuft davon – die Wagnerianer haben das Kommando übernommen.

lst diese Lösung eine Meldung wert in Polen? Eher nicht. Deutschland war, als die «Meistersinger» entstanden, seit 200 Jahren kein staatliches Gebilde mehr. Sollte das nur noch nominell bestehende Heilige Römische Reich vollends in Dunst aufgehen, so Sachs, bliebe uns immerhin die «heil’ge deutsche Kunst». Was bei Wagner einer Schreckensvision entsprang, war für Polen längst Realität: Es hatte die harsche Germanisierung und Russifizierung des 19. Jahrhunderts nur überstehen können, weil es seine Sprache bewahrte, seine Kunst und Musik. Dass nationaler Selbstbehauptungswille in aggressive, fremdenfeindliche Politik umschlagen kann, ist vielen Polen bewusst. Für diese Erkenntnis brauchen sie keine «Meistersinger», Jene Nachbarn aber, die eine solche Lektion durchaus gebrauchen könnten, werden sich wohl kaum Wagners Nationaloper anhören. Theatergeschichte geschrieben hat Poznan gleichwohl. Und das auf äußerst geistvolle, unterhaltsame Weise!

VoIker Tarnow

Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg

Premiere am 4. März 2018

Musikalische Leitung; Gabriel Chmura

Inszenierung: Michael Sturm

Bühne und Kostüme: Matthias Engelmann

Chor: Mariusz Otto

Choreografie: John Svensson

Solisten: Frank van Hove (Hans Sachs). Christian Voigt (Stolzing), Monika Mych-Nowacka (Eva). Bjorn Waag (Beckmesser)‚ Rafal Korpik (Pogner), Piotr Friebe (David), Magdalena Wilczynska-Gos (Magdalene), Szymon Mechlinski (Kothner)‚ Mikolaj Adamczak (Vogelgesang)‚ Damian

Konieczek (Nachtigall), Tomasz Mazur (Nachwachter) u. a.

www.opera.poznan.pI